Wer Arbeit entgrenzt, gefährdet Gesundheit
Der Kanzler hat in den letzten Tagen mit Aussagen über die Arbeitswelt irritiert, die auch mich sehr geärgert haben. Erst überlegte Merz laut, das gesamte Arbeitszeitgesetz abzuschaffen, dann legte er nach und kritisierte den hohen Krankenstand unter deutschen Beschäftigten.
Ich habe in der Presse deutlich dagegengehalten: Das Arbeitszeitgesetz ist ein Gesundheitsgesetz. Will der Kanzler die Gesundheit der Menschen aufs Spiel setzen? Das wäre ein Schlag ins Gesicht aller Leute, die morgens aufstehen, in den Betrieb oder ins Büro fahren und den ganzen Tag schuften. Das Arbeitszeitgesetz schützt genau diese Menschen.
Und wir sind doch schon flexibel. Man kann 48 Stunden arbeiten, wenn man will. Man kann auch 60 Stunden die Woche arbeiten. Was will Merz denn noch? Laut IAB waren 2024 637 Millionen Überstunden unbezahlt, nur 550 Millionen bezahlt. Die Menschen arbeiten schon viel. Wer sagt, die Deutschen seien faul, erzählt Märchen. Wir hatten zuletzt auch die größte Anzahl sozialversicherungspflichtiger Arbeitsstunden.
Wenn der Kanzler meint, das solle alles über Tarifverträge geregelt werden, muss er auch wissen, dass nur noch knapp die Hälfte aller Beschäftigten durch einen Tarifvertrag geschützt wird. Deshalb brauchen wir das Arbeitszeitgesetz. Mehr Arbeitszeit wäre auch gar nicht wünschenswert. Wir sehen doch heute schon, welche Folgen die veränderte Arbeitswelt hat: Arbeitnehmer müssen zur Reha, weil der Körper nicht mehr mitmacht. Oder sie leiden an Burnout. All das kostet auch Geld und es wird teurer, wenn Arbeitnehmer nicht richtig geschützt werden. Deswegen ist es umso absurder, wenn Merz jetzt Beschäftigte kritisiert, die sich krankmelden müssen.
Dass die Zahlen in den letzten Jahren gestiegen sind, hat zwei Gründe. Zum einen werden die Fälle durch die elektronische Krankmeldung besser erfasst. Zum anderen nehmen Druck und Arbeitsdichte weiter zu. Deswegen dürfen Fehltage kein Vorwurf an kranke Beschäftigte sein. Wenn der Krankenstand tatsächlich steigt, müssen wir das ernst nehmen als Warnzeichen. Menschen werden krank. Manchmal ist es aber auch ein Hinweis auf Missstände in der Arbeitswelt der Betroffenen. Dann werden Menschen krank, weil etwas zu lange zu viel war.
Wir müssen dafür sorgen, dass Menschen gesund bis zur Rente arbeiten können. Und wer danach weitermachen will, kann das mit der Aktivrente machen.
Es ist dringend nötig, dass die haltlosen Angriffe auf Arbeitnehmerrechte aufhören, damit wir uns um die zahlreich vorhandenen tatsächlichen Probleme kümmern können.